Deutsche Presseagentur im Juni 1996
"Abraham war Beduine" - Jahalin wehren sich gegen jüdische Siedler
Ma'aleh Adumin/Westjordanland (dpa) - Eigentlich ist an dem Zelt von Schuib Slame nichts Weltbewegendes: Es besteht aus ein paar grob gewobenen Tüchern, drapiert über ein Dutzend hölzerner Stangen. Dennoch ist die bescheidene Unterkunft des Jahalin-Beduinen, die östlich von Jerusalem am Rande der judäischen Wüste in der kargen Landschaft steht, zur Zeit Teil der Auseinandersetzung um den Ausbau israelischer Siedlungen im Westjordanland: Jüdische Siedler sollen in Zukunft Bauplätze finden, wo jetzt noch Slames Ziegen weiden.
Sein Zelt steht - wie auch die Lager von einigen hundert weiteren Jahalin-Beduinen - dem Ausbau der jüdischen Siedlung Ma'aleh Adumim im Weg. Gegründet Ende der 70er Jahre, entstand der Ort als indirekte Folge des Camp-David-Friedens von 1979 zwischen Israel und Ägypten. Für die damals aufgegebenen jüdischen Siedlungen auf der Sinai-Halbinsel forcierte die Likud-Regierung den Siedlungsbau im Westjordanland, das sie als Teil des biblischen Groß-Israel ansah.
Auch die letzte Regierung unter Schimon Peres ließ bei Ma'ale Adumim, in dessen Nähe inzwischen weitere Orte gebaut wurden, expandieren. Jetzt stehen die Bulldozer nur noch ein paar Meter von den Lagern der Jahalin entfernt. Dem Beduinenstamm droht nun bereits zum zweiten Mal innerhalb von 50 Jahren die Vertreibung von seinem angestammten Platz. 1954 mußte er auf Druck des israelischen Militärs aus der Negev-Wüste in das damals noch jordanische Westjordanland umziehen.
Bis zum 28. August hat Israels Oberstes Gericht den Beduinen Zeit gegeben, mit ihren Schafen und Ziegen zu einem anderen Lagerplatz in der Nähe der Stadt Abu Dis zu ziehen - nur zwei Kilometer von Ma'aleh Adumim entfernt. Doch der steinige und hügelige Boden dort wird von den palästinensischen Einwohnern der Stadt als Eigentum beansprucht und liegt zudem in unmittelbarer Nähe einer aktiven Müllkippe.
Lynda Brayer, die Rechtsvertreterin der Jahalin, hält den Vorschlag der israelischen Regierung daher für inakzeptabel: Keine menschliche Gemeinschaft gäbe sich mit einem solchen Platz zufrieden, sagte die Menschenrechtlerin während einer kürzlichen Solidaritätskundgebung in dem bereits von weiteren Rohbauten umgebenen Beduinenlager.
Unter den Demonstranten zwischen Bulldozern und Beduinen fanden sich auch israelische Friedensaktivisten und Mitglieder von PLO-Chef Jassir Arafats Al-Fatah-Organisation. Für sie ist die Vertreibung der Jahalin durch den Ausbau von Ma'aleh Adumim weniger ein administratives als vielmehr ein politisches Problem. Nach ihrer Meinung soll die jüdische Siedlung auf Kosten palästinensischen Landes wachsen - dem Land der Leute aus Abu Dis. Dies verstoße gegen den Geist der Autonomieabkommen zwischen Israel und den Palästinensern, sagen sie.
Für Faisal Husseini, den PLO-Vertreter in Ost-Jerusalem, ist das Beduinenproblem wichtig, doch es ist nur eines von vielen, mit denen er sich täglich beschäftigt. Er sieht in dem Wüstenstamm Palästinenser, auf deren Probleme international hingewiesen werden muß. Er verspricht, "jeden, der Beziehungen zu Israel unterhält" dazu anzuhalten, die Rechte der Beduinen auf die Tagesordnung von Verhandlungen mit Israel zu setzen.
Rücken die Bulldozer schließlich an, werden vollmundige Reden den Beduinen jedoch nicht viel helfen. Ein internationales Friedenscamp will daher den Baumaschinen zumindest kurzzeitig Einhalt gebieten. Mit dabei "Profi"-Aktivist Boudewijn Wegerif aus Schweden, der auf seinem 15 000 Kilometer langen "Fußmarsch für den Frieden" von Kiruna nach Kapstadt bei Ma'aleh Adumim halt gemacht hat, um mit den Jahalin für gesicherte Siedlungsrechte zu kämpfen. Dafür bemüht er sogar die Bibel: "Abraham war ein Beduine" steht auf seinen Transparenten geschrieben.
Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung
